Kurzgeschichten
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Heiligabend.

In dem großen Zelt ist die Luft stickig und der Regen prasselt auf das provisorische Dach. Hier liegen sie, ungeliebt, verstoßen von aller Welt, seit Jahrhunderten als Diebe, Meuchelmörder und ähnlich Schrecklichem verteufelt. Acht Familien dicht gedrängt, nur durch enge Gänge und dünne Vorhänge getrennt. Jede Familie mit ihrer eigenen schlimmen Lebensgeschichte. Deutschland im zweiten Weltkrieg, KZ, Flucht, Leben auf Müllhalden, ohne Wohnungen, ohne ein Fleckchen Erde, was sie ihr eigen nennen könnten, mit Flickenkleidern und so weiter und so weiter. Es gibt tausende Versionen, aber jede einzelne bedeutet ein Schicksal, dessen Härte wir auch nicht im Mindesten nachfühlen können.

Ich habe nur ein paar Bilder aus meinem letzten Urlaub vor Augen, als ich mit meiner Ente durch Jugoslawien fuhr, über die Dörfer, übers Land, und da die notdürftig aus Flicken hergestellten Zelte auf den Müllkippen als etwas Urromantisches bewunderte. Es war Sommer und es stank zum Himmel. Das Feuer dort … – ob es wohl auch irgendwelche chemische Stoffe verbrannte, die in der Erde eingesickert waren? – Zeitbomben. Aber konnte man ihnen einen Vorwurf machen? – Da war die alte Frau, die mir immer wieder aus der Hand lesen wollte und als ich endlich zustimmte, verstand ich nichts. Ich verstand nur eines: Die Dankbarkeit der Frau, als ich ihr hinterher fünftausend Dinar gab, für mich ein Wert von fünfzig Pfennig, für sie ein Vermögen. Sie küsste mir immer und immer wieder die Hände. Was sollte ich tun? – Armut. Wer kennt dieses Wort schon hier?

Heiligabend. Es regnet immer noch. Jemand summt leise ein Lied. Plötzlich kommt Leben in die Familien. Ein Kind schreit. Es ist erst heute auf die Welt gekommen. Ein richtiges Christkind. Der Stall von damals jetzt ein Zelt vom Roten Kreuz? Warum nicht? – Sollte der Ort des Friedens nicht überall sein? Ein Kind singt ein Weihnachtslied. Fremd und doch so bekannt … – Hierher gehört das Lied. Nicht in die Wohnstuben mit Tausenden von Geschenken, die in einem Monat schon vergessen sind. Hierhin gehört es, zur Armut, zur Demut, zur Wahrheit.

Wann werden es die Menschen verstehen?

1993 geschrieben von Monika Schwarz, Ennepetal (Copyright 2013).

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